Zeitungsartikel über Schießerei Altengrabow

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sapusk
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Zeitungsartikel über Schießerei Altengrabow

Ungelesener Beitragvon sapusk » Do 27. Sep 2012, 17:43

MAZ vom 19.04.2012 Teil 1:
Die Atomwaffen waren schon weg
In Altengrabow wird am 19. April 1991 ein Bundeswehroffizier von einem sowjetischen Wachposten angeschossen

POTSDAM - Vor Ort ist von der Dramatik des damaligen Geschehens nichts mehr zu spüren. Auf einer schmalen Lichtung zieht sich eine Stromleitung durchs Gelände, daneben wuchern kleine Kiefern und anderes Unterholz. Reinhold Bewersdorf sucht eine Weile herum, dann hat er den Schauplatz gefunden. Im Auftrag der Treuhand war der 58-Jährige damals nicht weit entfernt als Wachschützer tätig. „Hier ist die Stelle“, sagt er. „Da drüben stand der Wachturm und hier ist noch der Original-Stacheldraht.“

Genau an diesem Ort am Rande des Truppenübungsplatzes Altengrabow im heutigen Sachsen-Anhalt wurde am 19. April 1991 ein Bundeswehroffizier von einem sowjetischen Wachposten angeschossen. Eine ausgesprochen heikle Angelegenheit zur damaligen Zeit: Die deutsche Wiedervereinigung war bereits vollzogen, aber auf dem Gebiet der ehemaligen DDR befanden sich noch Hunderttausende sowjetische Soldaten, Tausende Panzer, Artilleriegeschütze und riesige Mengen an Munition.

Die Stimmung war ohnehin aufgeheizt. Viele sowjetische Soldaten versuchten zu desertieren, andererseits wurden sie selbst aber auch immer wieder Opfer von rechtsextremen Übergriffen durch Skinheads. Auf deutscher Seite wusste niemand so richtig, was die „Westgruppe der Truppen“, wie die sowjetischen Streitkräfte in der DDR hießen, wirklich vorhatte. Und in diesem schwierigen Umfeld wurde der Kalte Krieg zum Schluss noch einmal ziemlich heiß: Schließlich war es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht allzu oft vorgekommen, dass ein russischer Soldat auf einen deutschen Soldaten schoss.

„Das hätte zu Verspannungen führen können“, erinnert sich Jörg Schönbohm, damals als Generalleutnant Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost in Strausberg (Märkisch-Oderland). Zwei Tage nach dem Vorfall besuchte er den verletzten Major persönlich im Krankenhaus. „Ich habe zu ihm gesagt: Ich will nur eine Sache wissen. Haben Sie Abenteuer gespielt oder nicht? Da antwortete er: Herr General, ich kenne die sowjetischen Waffenbrüder. Wenn Sie da rangehen, dann schießen die. Und da ich das wusste, waren wir vorsichtig. Wir waren deutlich zu erkennen. Wir haben die Stelle nur fotografiert.“

Tatsächlich gehen die Darstellungen auf deutscher und russischer Seite heute noch auseinander. Nur so viel ist klar: Wenige Wochen vorher hatte es exakt an der gleichen Stelle einen ersten Zwischenfall gegeben. Bereits damals hatte ein sowjetischer Posten auf einen deutschen Kundschafter geschossen – wobei es aber keine Verletzten gab. Am 19. April waren nun offenbar drei Offiziere des Verteidigungsbezirkskommandos in Magdeburg unterwegs, um den ersten Vorfall zu untersuchen. Sie fuhren einen Wartburg mit Bundeswehr-Kennzeichen und trugen Uniform. Der verletzte Major, Eckardt Weiß, war zuvor Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA) gewesen und wurde von der Bundeswehr für seinen Einsatz im Sommer 1991 mit dem Ehrenkreuz in Gold für vorbildliche Pflichterfüllung ausgezeichnet.

Nach deutscher Lesart blieben die Offiziere außerhalb des Sperrbereichs und waren damit beschäftigt, Zäune und Warnhinweise fotografisch zu dokumentieren. Sie seien erst unter Feuer genommen worden, als sie sich schon wieder in ihrem Auto befanden und wegfahren wollten, heißt es.

Bei den Russen klingt das anders. „Am Zaun hing ein Schild in deutscher Sprache: Halt, es wird geschossen“, berichtet der damalige sowjetische Oberkommandierende, Generaloberst Matwej Burlakow, später in einem Fernsehinterview mit dem MDR. „Sie standen da und lasen es durch. Ein Soldat vom Wachturm schrie: Halt! Sie zeigten keine Reaktion. Der eine hat den Stacheldraht auseinander geschoben, der andere wollte in das Loch hineinschlüpfen. Es sind Spione gewesen, die unsere Atomwaffen ausspionieren wollten.“

Nun lag beiden Seiten daran, einen Skandal zu vermeiden. Schönbohm musste im Verteidigungsausschuss des Bundestags vortragen, in der Presse wurde schon über seine Ablösung spekuliert. Burlakow wiederum fürchtete, der damalige deutsche Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU) würde wegen des Vorfalls nicht wie geplant am 26. April nach Wünsdorf kommen.

Deshalb setzten ausgerechnet die Kalten Krieger auf Deeskalation. Die Deutschen legten eine offizielle Verwahrung ein, die Russen erklärten ihr Mitgefühl mit dem verletzten Offizier. Am Ende kam Stoltenberg nach Wünsdorf, und zwischen den Büros der Oberbefehlshaber wurde ein rotes Telefon für ähnliche Notfälle installiert. „Durch die Art, wie die Sowjets damit umgegangen sind, konnte das eingefangen werden“, fasst Schönbohm, der spätere Brandenburger Innenminister zusammen. „Aber hinter diesem Zwischenfall steckte noch eine andere Geschichte. Und das war die Frage: Gab es damals noch Atomwaffen in Altengrabow, ja oder nein?“

(...)
Bilderstrecke:
http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/ ... Bunker.JPG
Die Atomwaffen waren in umgebauten Bunkern der früheren Wehrmacht untergebracht. Foto: Klaus Stark

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/ ... Garage.JPG
Die ehemalige Raketengarage nutzt die Bundeswehr heute als Bauhof. Foto: Klaus Stark

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/ ... rsdorf.JPG
Wachschützer Reinhold Bewersdorf zeigt die Stelle, an der am 19. April 1991 ein Bundeswehroffizier angeschossen wurde. Foto: Klaus Stark

sapusk
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Re: Zeitungsartikel über Schießerei Altengrabow

Ungelesener Beitragvon sapusk » Do 27. Sep 2012, 17:44

sapusk hat geschrieben:MAZ vom 19.04.2012 Teil 1:
Und hier Teil 2:
(...)
Die Lagerung von sowjetischen Nuklearwaffen auf deutschem Territorium ist eines der spannendsten und geheimnisvollsten Kapitel des Kalten Krieges. Bis heute wird nirgendwo in öffentlich zugänglichen Quellen hieb- und stichfest dokumentiert, wo sie aufbewahrt wurden und wie der Abzug im Detail über die Bühne ging. Für zusätzliche Verwirrung sorgte Burlakow selbst, der zu Stalins Todestag am 5. März 1991 in Karlshorst erklärte, alle Atomwaffen hätten die ehemalige DDR verlassen. Das war aber falsch, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte.

Beim Bundeswehrkommando Ost ging man jedenfalls davon aus, dass in Altengrabow, unweit der Grenze zu Brandenburg, noch welche lagerten. Möglicherweise war das sogar der Grund für die erste Erkundung. Nicht ganz zu Unrecht: Nach MAZ-Recherchen war auf dem Truppenübungsplatz tatsächlich die 3272. Bewegliche Raketentechnische Basis mit der Feldpostnummer 57851 zu Gange, die sich um die Kernsprengköpfe für die Kurzstreckenraketen der 3. Stoßarmee mit dem Stab in Magdeburg kümmerte. Das waren damals Raketen des Typs „Totschka“ (NATO-Bezeichnung: SS-21 oder „Scarab“) mit einer Reichweite von 120 Kilometern. Die dazugehörigen nuklearen Köpfe hatten eine Sprengkraft von bis zu 50 Kilotonnen – ein Mehrfaches der Hiroshima-Explosion.

Der Raketennachschub wurde in einer Reihe von auffälligen erdüberdeckten Garagen aufbewahrt. „Wir nannten das Missile Ready Building, übersetzt: Raketen-Bereitstellungs-Halle“, berichtet Charles Tuten, ehemaliger Luftbildauswerter des amerikanischen Geheimdienstes CIA. „Und der Bau dieser Garagen half uns während des Kalten Krieges sehr, solche Raketeneinheiten zu identifizieren.“ Wachschützer Bewersdorf erinnert sich noch genau daran, dass diese Halle später bei der Übergabe besonders „sauber und trocken“ gewesen ist. Heute hat die Bundeswehr dort den Bauhof des Standorts untergebracht.

Die todbringenden Sprengköpfe selbst hatten keine neuen Gebäude mit besonderen Sicherheitsvorrichtungen bekommen, stattdessen lagen sie ironischerweise in alten, nur geringfügig umgebauten Munitionslagerhäusern der früheren Wehrmacht. Angeliefert und ausgetauscht wurden sie per Eisenbahn. Die „Militärtransporte mit besonderem Sicherheits- und Geheimhaltungsbedürfnis“, wie es offiziell hieß, mussten nach einer Vorschrift der Westgruppe in Altengrabow nachts zwischen 22 und vier Uhr ankommen, um den Standort einige Tage später zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens wieder zu verlassen.

„Das waren die Dunkelmänner“, erzählt Christel Klein, Ehefrau des damaligen Bahnhofsvorstehers. Die Leute, die sich um Bewachung und Transport der heiklen Atomsprengköpfe kümmerten, hießen im Volksmund so, weil die Züge nur bei Dunkelheit ankommen und abfahren durften. Außerdem wurde vorher jedesmal die Außenbeleuchtung des Bahnhofs abgeschaltet. „Wenn man nicht so ein Geheimnis darum gemacht hätte“, meint die heute 73-Jährige, „hätte kein Deutscher hingeguckt. Aber so wurde man am nächsten Tag auf der Straße gefragt: Mensch, was war denn gestern Nacht wieder bei euch auf dem Bahnhof los?“

Das alles ist nun mehr als 20 Jahre her. Aus diesem zeitlichen Abstand lässt sich aber nicht nur die Frage beantworten, ob in Altengrabow überhaupt Atomwaffen lagerten, sondern auch, ob es dort Mitte April 1991 noch welche gab. Vieles spricht dafür, dass ein Großteil der sowjetischen Nuklearwaffen die DDR sehr früh, also noch im Herbst 1989, verlassen hat. Die Raketenbasis in Altengrabow wurde als eine der ersten Einheiten abgezogen. Die endgültige Auskunft aber gab Burlakow selbst noch vor seinem Tod in einem Interview. „Gerade in Altengrabow hatten wir ein Lager mit Nuklearmunition“, sagte er. „Es stand bereits leer. Das wussten die Deutschen aber nicht.“

Die deutschen Kundschafter hatten sich damals also umsonst bemüht. Die allerletzten sowjetischen Atomwaffen sind allerdings erst Ende Juni 1991 aus Deutschland verschwunden. Am 29. Juni trafen sich die Familien Schönbohm und Burlakow zu einem Essen in Schloss Wilkendorf in Altlandsberg (Märkisch-Oderland). Was dann geschah, schildert Schönbohms damaliger Übersetzer Bernhard Mroß gegenüber der MAZ folgendermaßen: „Es gab so eine Gurkensuppe, Akroschka auf Russisch, das weiß ich noch genau, und da sagte Burlakow plötzlich: Übrigens, Herr General, seit gestern sind die Kernwaffen aus Deutschland weg. Dem General Schönbohm ist der Löffel in die Suppe gefallen, es hat richtig gespritzt. Gegen Mitternacht sind die Burlakows dann weggefahren, und da sagte Schönbohm zu seiner Frau: Eveline, du kannst ja schon schlafen gehen, aber der Herr Mroß und ich, wir müssen jetzt noch ein Fernschreiben aufsetzen. Und dann haben wir das an unser Ministerium gemeldet.“ (Von Klaus Stark, Mitarbeit: Stefan Büttner, Martin Ebert )
Quelle:

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/ ... r-von.html


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